Test XBOX 360 – Virtua Tennis 4
Lasst uns eine kleine Zeitreise unternehmen. Wir bewegen uns rückwärts, lassen XBOX 360, PS3 und Wii hinter uns … es fliegen Playstations, Dreamcasts und Gamecubes vorbei und wir reisen weiter. Wir lassen N64 und Saturn hinter uns und auch SNES und Mega Drive. Wenn wir jetzt am NES und Master System vorbei kommen, klatschen wir kopfüber in den Urschleim der elektronischen Videospiele und es macht PONG. Und was ist Pong anderes, als das erste Tennisspiel auf einer Konsole, gefolgt von Hunderten von Versionen auf allen Konsolengenerationen? Eben, aber wir schreiben nicht mehr die 70er, wir befinden uns im Jahr 2011 und Segas nächstes Virtua Tennis rotiert in der XBOX.
Ja und, ist doch bloß Tennis! Nee, denn Virtua Tennis 4 ist das erste Tennisspiel mit Kinect Unterstützung. Und nach dem mehr als nur spaßigen Tischtennis bei Kinect Sports habe ich mich auf diesen Titel gefreut. Endlich mal Tennis ohne Controller, dem Gegner einen Schmetterball entgegen der Laufrichtung nur durch die Bewegung meines gewaltigen rechten Schmetterarms durch die Ohren ziehen, ihn von links nach rechts über den Court scheuchen, um ihm mit einem hinterhältigen Stoppball den nächsten Satz abzunehmen. Schließlich steht auf der Packung ja in dicken Lettern: “Better with Kinect Sensor“!
Virtua Tennis 4 ist der jüngste Spross einer Serie, die ihren Anfang bereits im Jahr 2000 auf der/dem legendären Dreamcast machten, zu einer Zeit, als Sega noch selbst die besten Konsolen der Welt produzierte. Warum nun aber Virtua Tennis im Jahr 2011 die 4 im Titel trägt, bleibt wohl ein Geheimnis, denn der letzte Titel enthielt noch die Jahreszahl. Egal, denn entscheidend ist nicht, was auf der Hülle gedruckt steht, sondern was das Spiel in dieser Hülle bietet. Und da bleibt Sega seinen Wurzeln treu, denn auch die Version 4 (oder eigentlich 5) bietet wie immer leicht erlernbares Arcade-Tennis vom Feinsten. Spielt man mit dem klassischen Pad, sind 3 Knöpfe für Slice, Spin und Lob ausreichend, um sofort im Spiel zu sein. Dies ist seit Jahren eine Reminiszenz an alte Spielhallen-Zeiten, in denen ja Virtua Tennis seinen Ursprung hat. Und so entwickeln sich augenblicklich lange und schnelle Ballwechsel.
Aber wer hier die Spieltiefe eines Top Spin erwartet, hat zum falschen Produkt gegriffen. Denn
Sega steht seit Jahren für schnell zugängliches Arcade-Tennis und auch Virtua Tennis macht hier keine Ausnahme. Selbstverständlich kann man seinen Gegner von einem Eck ins nächste jagen und ihm bei den eher seltenen Netzangriffen auch mal mit einem Lob überraschen, aber dies eben alles nicht mit dem Ernst und der Verbissenheit der Konkurrenz.
Virtua Tennis bietet euch 24 Spieler und Spielerinnen, von denen aber einige Legenden erst freigespielt werden wollen. So wählt man sich zu einem ersten Arcade-Match entweder einen Federer, Del Porto oder Nadal aus und spielt die ersten Sätze. Drei verschiedene Kamera-Perpektiven sorgen je nach Gusto für die entsprechende Optik hinter dem Akteur. Wer in anderen Spielen immer wieder Schwierigkeiten mit der Präzision beim Aufschlag hat, weil die Bälle entweder im Aus landen, oder beim zweiten Aufschlag brutal zurück geschmettert werden, wird hier seine Freude haben. Knöpfchen gedrückt, wenn der Balken möglichst weit oben steht und das Pad in die gewünschte Richtung gezogen … die wenigsten Bälle landen im Aus und Frust stellt sich nicht ein. Die gelbe Filzmurmel ist beim Return wunderbar abzuschätzen, ein herumirren auf dem Court, wo denn der Ball nun auftippen könnte, kommt nicht vor. Und wer den Filz lange genug im Spiel hält, damit seinen Schlagbalken auflädt, darf einen Superschlag aktivieren, der in einer schönen Zeitlupensequenz dargestellt wird, die man aber dann doch nach dem spätestens fünften Mal in den Optionen ausschaltet.
Wer genug Arcade gespielt hat, wendet sich dem Turnier zu oder spielt den wunderbar ruckelfreien Online-Modus. Herzstück ist aber die eigene Karriere, in der ihr euch einen Spieler nach Lust und Laune zusammen bastelt und diesen zum größten Tennis-Spieler aller Zeiten macht. Mit zufälligen Karten, die die Anzahl eurer Züge anzeigen, schickt ihr euer Alter Ego über Felder auf einer Weltkarte und verdient euch Sterne, indem ihr in witzigen Minispielchen trainiert, euch bei Fans beliebt macht oder kleinere Trainingsmatches absolviert, bis ihr endlich zu euren ersten Turnieren zugelassen werdet. Ihr müsst dabei aber stets auf die Kondition eures angehenden Profis und Weltstars achten, denn ohne Puste ist meist schon im ersten Match Feierabend. Ihr müsst also eure Karten auch so einsetzen, dass
ihr gelegentlich Station auf einem der zahlreichen Hotels macht, um euch zu erholen. Nebenbei dürft ihr natürlich auch in Virtua Tennis 4 zahlreiche Goodies wie Schläger und sonstiges Zubehör einkaufen, um euch eine persönliche Note zu veleihen.
Wie bereits erwähnt sind die Minispielchen die Traningseinheiten im Spiel. So übt ihr das Laufen, indem ihr über auf dem Feld verstreute Eier rennt und die Küken in den Stall führt. Den Aufschlag übt ihr anhand eines Fussballtores, in dem sich ein Keeper von Seite zu Seite bewegt. Später kommt auch noch eine Mauer aus Pappkameraden dazu. Trefft ihr den Aufschlag aber mit Maximalgeschwindigkeit, schießt ihr Verteidiger und Torhüter einfach um. Ebenfalls witzig ist das Bombentennis. Hier schlagt ihr eine tickende Zeitbombe über das Feld. Auf wessen Seite diese dann explodiert, hat leider Pech gehabt. Zusätzlich müsst ihr dabei auch noch Felder anvisieren, die die Zeit bis zur Explosion verkürzen. Alle Minispielchen sind auch einzeln anwählbar und sorgen somit für ein witziges Match auch zwischendurch.
Aber bis hierhin unterscheidet Virtua Tennis 4 sich bis auf eine der Zeit angepasste Grafik in sehr wenig von seinen Vorgängern. Den Unterschied macht in der XBOX-Version Kinect und damit die Möglichkeit, Tennis mit dem ganzen Körper zu spielen, ohne für reichlich Bares eine Stunde einen staubigen Sandplatz mieten zu müssen. Kinect erfordert dann wie immer einiges an Eingewöhnungszeit, das beginnt schon mit dem Aufschlag. Wer wie im echten Leben gewohnt ist, leicht versetzt zur Grundlinie zu stehen, wird merken, dass sich hier wenig tut … Kinect erkennt euch nämlich nicht. Also gerade vor den Sensor gestellt, mit der linken Hand den imaginären Ball hochgeworfen und dann mit rechts einen sauberen Aufschlag zu servieren. Dies ist auch der einzige Moment, in dem euer Spieler noch eingeblendet ist, ab sofort seht ihr einen durchsichtigen Schläger, um den Ball entsprechend anvisieren zu können.
Und damit beginnen aber die eigentlichen Probleme. Bei langen Grundlinienduellen habt ihr wenig Schwierigkeiten, den Ball über das Netz zu befördern. Mit ein wenig Übung platziert ihr die Filzkugel auch in den Ecken. Aber wehe, ihr geht dem Ball nicht entsprechend bzw. im korrekten Winkel entgegen, denn dann beginnt ein wildes Gefuchtel mit den Armen, weil ihr nämlich unter Umständen den Ball trotz fast ausgekugelter Schulter gar nicht getroffen habt und dieser weiter durch die Luft segelt. Solltet ihr diesen dann im zweiten Schlagversuch doch
noch getroffen haben, kommt unverständlicherweise in zu vielen Fällen ein unerwünschter Stopp-Ball zustande, der in eurer eigenen Spielfeldhälfte verhungert. So glaubt man bei den ersten Malen noch, einfach nur schlecht geschlagen zu haben, kommt jedoch nach diversen weiteren Fehlversuchen zu der Erkenntnis, dass der Sensor scheinbar Schwierigkeiten hat, die Schlagkraft oder Handhaltung vernünftig einzuordnen. So bleibt auch nach stundenlangem Training leider ein fader Kinect-Beigeschmack bei einem ansonsten wirklich gelungenem Arcade-Tennis.
Fazit:
Virtua Tennis glänzt mit Einsteigerfreundlichkeit, einem arcadigen Spielablauf und einem ungewöhnlichen Karrieremodus inklusive ebensolcher Minispielchen. Die Grafik bewegt sich auf angemessenem Niveau und der Sound bietet das, was man von einem Tennis-Spiel erwartet, nämlich das Tippen der Filzbälle, ein mehr oder weniger euphorisches Publikum und einen gelegentlichen Stöhner eines Spielers beim Return. Weniger gelungen ist leider die Kinect Umsetzung, da bringt auch der Spruch auf der Hülle nicht viel. Bei zu vielen Bällen hat man einfach das Gefühl, das Glück eine größere Rolle als das Können spielt.
Wer sich trotzdem für Virtua Tennis 4 und nicht für Top Spin entscheidet, erhält ein fast rundum gelungenes Arcade Spiel, das auch nach der Karriere immer wieder für das berühmte Spielchen zwischendurch in der CD-Lade landen wird.
Bericht: Michael Schulz